Früher bekamen Kinder einen spitzen Hut mit Eselsohren aufgesetzt, wenn sie als dumm galten. Heute käme kein Lehrer mehr darauf. Heißt das, dass im Klassenzimmer niemand mehr vorgeführt wird?
Am 8. November ist Spotthut-Tag. Klingt nach einem dieser Aktionstage, die sich jemand an einem öden Dienstagnachmittag ausgedacht hat. Der Hut dahinter steht aber für eine ziemlich unschöne Idee von Erziehung.
Wer nichts wusste, wurde zum Gespött
Als ich in die Grundschule ging, stand ich auch in der Ecke. Allerdings nur beim Ecken-Rechnen. Ein Mathe-Lernspiel meiner Grundschullehrerin, das mir einst viel Spaß machte, denn ich war gut darin.
Doch im 19. Jahrhundert war es anders. Wer eine Frage nicht beantworten konnte, Fehler machte oder als schlechter Schüler galt, wurde mit dem Eselshut (auch Eselskappe oder Eselsmütze) öffentlich zum Dummen erklärt. Manchmal bekam er noch eine Schiefertafel mit Beschimpfung oder seinem Vergehen umgehängt. Die Logik dahinter: Wer sich genug schämt, strengt sich beim nächsten Mal mehr an. Fehler waren somit ein Zeichen des Versagens.
Keine Eselskappen mehr. Aber …
Schulen haben sich verändert, zum Glück. Prügel sind verboten, die Pädagogik ist weiter, und Kinder haben Rechte, von denen frühere Generationen nur träumen konnten.
Aber ist die Beschämung von Schülern wirklich fort oder haben wir sie nur in ein anderes Kleid gesteckt?
Ein Kind braucht keinen Eselshut, um sich dumm zu fühlen. Dafür reichen manchmal ein paar Worte.
Der Lehrer, der vor versammelter Klasse verkündet, wer eine Fünf oder Sechs geschrieben hat. Der Spruch „Das solltest du in deinem Alter aber längst können“. Das „Hast du überhaupt gelernt?“, das nicht als Frage gemeint ist. Das Kind an der Tafel, das die Aufgabe nicht lösen kann und mit jeder Sekunde nervöser wird, während dreißig Augenpaare zuschauen. Oder gar der traurig blickende Smilie unter der Klassenarbeit.
Nicht jede unangenehme Unterrichtssituation ist eine Demütigung, und wer einen Fehler anspricht, handelt nicht automatisch falsch. Es macht aber einen gewaltigen Unterschied, ob ein Kind Unterstützung bekommt oder lediglich angeprangert wird.
Eine schlechte Note ist keine Demütigung
Das möchte ich ausdrücklich trennen: Schule muss Leistungen bewerten. Wer die Anforderungen in einer Klassenarbeit nicht erfüllt, bekommt dafür die passende Note, und das ist in Ordnung. Eine Fünf sagt etwas über eine Arbeit aus. Dass das Kind dumm, faul oder weniger wert ist, sagt sie nicht.
Kritisch wird es, wenn aus der Bewertung einer Leistung eine Bewertung der Person wird. „Du hast die Aufgabe nicht richtig gelöst“ und „Du bist wohl zu blöd dafür“ liegen nur ein paar Wörter auseinander, mehr nicht. Und das Ergebnis einer Klassenarbeit braucht kein Publikum, schon gar keins, das darüber lachen darf.
Nicht jeder fängt am selben Punkt an
In einer Klasse sitzen Kinder, die einen Zusammenhang in Sekunden begreifen, und Kinder, die drei Erklärungen brauchen. Manche schreiben ihr Wissen mühelos auf, andere bekommen unter Zeitdruck einen Blackout. Dazu kommen Prüfungsangst, Konzentrationsprobleme, ein langsameres Schreibtempo oder Unterrichtsformen, die einem einfach nicht liegen. Weniger Wissen oder weniger Einsatz bedeutet das nicht.
Schule kann nicht für jedes Kind alles individuell zuschneiden, und gemeinsame Maßstäbe haben ihre Berechtigung. Gleiche Anforderungen sind aber noch lange keine gleichen Startbedingungen. Wer aus einer schlechten Note vorschnell auf Fähigkeiten oder Motivation schließt, liegt deshalb oft daneben. Wer nicht fertig wird, hat nicht automatisch getrödelt. Wer eine Antwort nicht sofort weiß, hat nicht zwingend geschlafen. Und wer eine Fünf schreibt, hat nicht unbedingt zu wenig gelernt. Manchmal ist die Erklärung komplizierter als „Du musst dich eben mehr anstrengen“.
Wenn das Gehirn anders tickt
Besonders bitter wird es bei Kindern, deren Kopf grundlegend anders arbeitet: ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie, Autismus, Sprachentwicklungsstörungen und was es sonst noch an Auffälligkeiten gibt. Diese Kinder sind nicht dümmer, sie sind anders verdrahtet oder haben gesundheitliche Einschränkungen. Schule misst aber oft nur, wie gut sie trotzdem in das Standardformat passen.
Das Kind mit Legasthenie, das beim Vorlesen stolpert und dafür Gelächter erntet. Das Kind mit ADHS, dem zum hundertsten Mal gesagt wird, es solle sich „endlich mal konzentrieren“. Das ist ungefähr so hilfreich, wie einem Kurzsichtigen zu sagen, er solle halt genauer hinschauen. Das Kind mit einer Sprachstörung, das die Antwort im Kopf hat, aber nicht im Mund, und deshalb für begriffsstutzig gehalten wird. Das autistische Kind, bei dem Reizüberflutung als Desinteresse oder Frechheit ankommt.
Das Gemeine daran: Gerade diese Kinder strengen sich oft mehr an als alle anderen und bekommen trotzdem die Quittung. „Faul“, „unkonzentriert“ und „will nicht“ sind schnell als Etiketten verteilt. Gemeint ist in vielen Fällen „kann nicht so, wie verlangt“. Und wer ohne Diagnose durch die Schule läuft, trägt solche Etiketten manchmal jahrelang.
Ein Nachteilsausgleich ist deshalb kein Zuckerguss und keine Extrawurst. Wer mehr Zeit bekommt, weil Lesen oder Schreiben länger dauert, hat nicht weniger Anforderungen, sondern dieselben unter fairen Bedingungen. Wie das im Einzelnen geregelt ist, unterscheidet sich je nach Bundesland und manchmal auch je nach Schule. Dass es so etwas überhaupt gibt, wissen längst nicht alle Eltern, und nicht jede Lehrkraft setzt es mit Begeisterung um.
Man muss nur einmal darüber nachdenken, wie viele dieser Kinder damals mit der Eselskappe in der Ecke gestanden haben müssen, ohne dass jemand gefragt hat, warum sie eigentlich nicht mitkommen. Was das mit ihrem Selbstwert für den Rest ihres Lebens gemacht hat, mag man sich kaum ausmalen.
Wer Angst vor Fehlern hat, hört irgendwann auf zu reden
Fehler gehören zum Lernen dazu. Wie soll man etwas lernen, das man noch nicht kann, ohne dabei danebenzuliegen? Kinder sollen fragen, ausprobieren, Vermutungen raushauen und sich auch mal irren dürfen.
Trotzdem kann das Klassenzimmer zu dem Ort werden, an dem man am liebsten gar nichts Falsches sagt. Wer sich meldet, riskiert eine falsche Antwort. Wer eine falsche Antwort gibt, riskiert Gelächter. Und wer das oft genug erlebt, überlegt sich sehr gründlich, ob die Hand überhaupt noch hochgeht.
Dabei hat das Kind mit der falschen Antwort immerhin nachgedacht, sich beteiligt und vielleicht sogar Mut aufgebracht, obwohl es unsicher war. Bekommt es dafür Spott oder einen herablassenden Kommentar, lernt es etwas ganz anderes als den Unterrichtsstoff: Schweigen ist sicherer. Das ist garantiert nicht der Lernerfolg, den sich irgendjemand wünscht.
Das Publikum sitzt oft in der Klasse
Beschämung muss nicht mal von der Lehrkraft kommen. Manchmal reicht es, wenn die Mitschüler lachen oder jemanden wegen seiner Noten aufziehen. Entscheidend ist dann, was die Erwachsenen daraus machen. Wird das Gelächter überhört? Lacht jemand mit? Oder sagt jemand klar, dass hier keiner für eine falsche Antwort ausgelacht wird?
Lehrkräfte können nicht jede spontane Reaktion verhindern. Sie bestimmen aber stark mit, welcher Ton in einer Klasse normal wird. Ein Raum, in dem man Fehler offen besprechen darf, funktioniert ganz anders als einer, in dem jeder ständig fürchtet, sich zu blamieren.
Das heißt nicht, dass man alles in Watte packen soll. Eine Antwort darf falsch genannt werden. Fehlende Vorbereitung darf man ansprechen, und wer seine Aufgaben nicht macht, darf das auch hören. Sachliche Kritik braucht aber keine Herabsetzung.
Respekt und Anforderungen sind kein Widerspruch
In Schuldebatten taucht gern die Behauptung auf, Kinder dürften heute keine negative Rückmeldung mehr bekommen. Das halte ich für Quatsch. Kinder müssen lernen, mit Kritik, Enttäuschung und Misserfolg klarzukommen. Nicht jede Prüfung klappt, nicht jede Aufgabe sitzt sofort, und die Wunschnote gibt’s auch nicht auf Bestellung. Das ist das Leben.
Nur muss man dafür niemanden demütigen. Eine schlechte Note ist unangenehm genug und wird nicht wertvoller, wenn die ganze Klasse sie kennt. Eine falsche Antwort bleibt auch ohne Gelächter falsch. Und ein Kind kann sehr wohl kapieren, dass es mehr üben muss, ohne dabei das Gefühl zu kriegen, grundsätzlich unfähig zu sein.
Wo Leistung bewertet wird, muss man besonders sauber zwischen dem Ergebnis und dem Menschen dahinter trennen.
Der unsichtbare Eselshut
Vielleicht ist das der eigentliche Gedanke für diesen Tag. Es geht nicht darum, wie furchtbar früher alles war und wie großartig heute alles läuft, sondern darum, wie wir mit Kindern umgehen, wenn sie unsere Erwartungen nicht erfüllen. Wenn jemand zum dritten Mal dieselbe Frage stellt. Wenn ein Kind trotz Lernens eine schlechte Note nach Hause bringt. Wenn jemand an der Tafel steht und plötzlich nichts mehr weiß.
Lehrer sind auch nur Menschen, mit vollen Klassen, Lehrplänen im Nacken, Noten- und Konfliktstress. Dass dabei nicht jede Reaktion glänzt, ist menschlich. Zwischen einer ungeduldigen Antwort und wiederholter öffentlicher Herabsetzung liegt aber ein Unterschied, den man nicht kleinreden sollte.
Den Hut haben wir aus den Klassenzimmern verbannt. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass ihn niemand unsichtbar tragen muss.
Bildhinweis: Bilder wurden KI generiert.



